Friedrich Dürrenmatt Der Besuch Der Alten Dame

Stell dir vor, dein kleines, verschlafenes Heimatdorf ist pleite. Total am Ende. Die Fabriken sind dicht, die Leute arbeitslos, und der Bäcker backt nur noch trockene Brötchen. Und dann – Peng! – taucht eine Milliardärin auf. Aber nicht irgendeine Milliardärin, sondern Claire Zachanassian, eine ehemalige Dorfbewohnerin, die von allen wegen einer Jugendsünde verstoßen wurde. Klingt nach einem schlechten Witz? Ist es aber nicht. Es ist der Anfang von Friedrich Dürrenmatts rabenschwarzer Komödie, Der Besuch der alten Dame.
Ein unmoralisches Angebot
Claire kommt nicht ohne Hintergedanken zurück. Sie macht dem Dorf ein Angebot: Sie schenkt ihnen eine Milliarde, aber nur unter einer Bedingung. Jemand muss Alfred Ill, ihren ehemaligen Liebhaber, töten. Ill, der einst Claires Leben zerstörte, lebt immer noch im Dorf und führt ein kleines Geschäft. Das Angebot schockiert natürlich erst mal alle. Mord? Um Gottes Willen! So tief sinken wir nicht!
Aber dann fängt es an, zu brodeln. Die Leute kaufen plötzlich auf Kredit. Neue Schuhe, Fernseher, sogar Autos! Schließlich, man muss ja auf den Aufschwung vorbereitet sein, nicht wahr? Und irgendwie, ganz unauffällig, werden die Blicke auf Ill immer feindseliger. Der Dorflehrer, der Pfarrer, der Polizist – sie alle beteuern ihre Unschuld, aber ihre Taten sprechen eine andere Sprache. Sie alle leben quasi schon von der Milliarde und das bedeutet... nun ja.
Must Read
Der Mensch ist käuflich (oder?)
Dürrenmatt hält uns einen Spiegel vor. Er zeigt uns, wie schnell sich Moral auflösen kann, wenn es um Geld geht. Wie einfach es ist, sich selbst zu belügen und die eigenen Taten zu rechtfertigen. Das ist natürlich bitter, aber auch unglaublich komisch. Die Art, wie die Dorfbewohner sich winden und wenden, ihre plötzliche Grosszügigkeit und ihr heuchlerisches Mitleid – das ist einfach nur zum Schreien komisch. Und gleichzeitig erschreckend.
Ill selbst ist auch keine strahlende Heldenfigur. Er war in seiner Jugend nicht gerade ein Heiliger. Aber er akzeptiert sein Schicksal. Er wehrt sich nicht, er flieht nicht. Er stellt sich der Konsequenz seiner Taten. Und darin liegt vielleicht die eigentliche Tragik der Geschichte. Er ist der Einzige, der noch so etwas wie Ehre besitzt, inmitten einer Meute von geldgierigen Heuchlern.

Schwarzer Humor vom Feinsten
Der Besuch der alten Dame ist keine leichte Kost. Es ist eine Geschichte über Rache, Gier und die Korrumpierbarkeit des Menschen. Aber Dürrenmatt verpackt das alles in eine so groteske und überzeichnete Form, dass man trotzdem lachen kann. Es ist schwarzer Humor vom Feinsten. Eine Komödie, die zum Nachdenken anregt und einem gleichzeitig den Bauch vor Lachen hält.
Es ist wie ein Zirkus der Absurditäten, angeführt von der unheimlich charmanten Claire Zachanassian, einer Frau, die schon alles erlebt hat und nun auf Rache sinnt. Ihre kalte Berechnung, ihr zynischer Humor und ihre unerschütterliche Entschlossenheit machen sie zu einer der faszinierendsten Figuren der modernen Literatur.

Mehr als nur eine Schulaufgabe
Viele kennen Der Besuch der alten Dame aus der Schule. Aber lass dich davon nicht abschrecken! Es ist viel mehr als nur eine Pflichtlektüre. Es ist eine zeitlose Parabel über die menschliche Natur, die auch heute noch brandaktuell ist. Eine Geschichte, die uns daran erinnert, dass Geld nicht alles ist (auch wenn es verdammt viel sein kann) und dass Moral manchmal mehr wert ist als der nächste neue Fernseher.
Wenn du also mal wieder Lust auf etwas wirklich Bissiges, Humorvolles und Nachdenkliches hast, dann greif zu Dürrenmatts Meisterwerk. Du wirst es nicht bereuen. Und vielleicht wirst du danach die Welt mit anderen Augen sehen. Oder zumindest deine Nachbarn.
