Wie Viel Ist Lebenslänglich In Deutschland

Stell dir vor, du sitzt mit deinen Freunden zusammen und redest über Krimis oder Gerichtsserien. Irgendwann kommt die Frage auf: "Wie lange ist eigentlich lebenslänglich in Deutschland?" Eine gute Frage, die gar nicht so einfach zu beantworten ist, wie man vielleicht denkt. Denn "lebenslänglich" bedeutet nicht zwangsläufig, dass man bis zum Tod im Gefängnis bleibt.
Was bedeutet "lebenslänglich" wirklich?
"Lebenslänglich" bedeutet zunächst einmal: Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe, die bis zum Tod des Verurteilten dauert. Das ist der erste wichtige Punkt. Aber, und das ist ein großes Aber, das deutsche Strafrecht sieht vor, dass auch bei einer lebenslangen Freiheitsstrafe die Möglichkeit besteht, wieder freigelassen zu werden. Das Ganze ist im § 57a des Strafgesetzbuches (StGB) geregelt, der die Aussetzung des Strafrestes zur Bewährung nach 15 Jahren behandelt.
Anders ausgedrückt: Eine lebenslange Freiheitsstrafe ist nicht zwingend eine Strafe bis zum Lebensende. Sie kann unter bestimmten Voraussetzungen zur Bewährung ausgesetzt werden.
Must Read
Die 15-Jahres-Regel: Ein Mythos?
Viele denken, dass man nach 15 Jahren automatisch aus dem Gefängnis kommt, wenn man zu lebenslänglich verurteilt wurde. Das ist aber falsch. Die 15 Jahre sind lediglich die frühestmögliche Zeit, nach der eine Entlassung auf Bewährung in Betracht gezogen werden kann.
Es ist also keine automatische Freilassung, sondern eine Möglichkeit, die geprüft wird. Und die Hürden dafür sind hoch.
Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein?
Damit ein zu lebenslanger Haft Verurteilter nach 15 Jahren freigelassen werden kann, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Diese Bedingungen sind im Wesentlichen:
- Keine besondere Schwere der Schuld: Das Gericht muss feststellen, dass keine besondere Schwere der Schuld vorliegt. Das bedeutet, dass die Umstände der Tat und die Persönlichkeit des Täters eine vorzeitige Entlassung rechtfertigen.
- Positive Sozialprognose: Es muss die begründete Aussicht bestehen, dass der Verurteilte in Freiheit keine weiteren Straftaten begehen wird. Das ist der wohl wichtigste Punkt.
- Zustimmung des Opfers (wenn möglich): Wenn das Opfer oder die Angehörigen des Opfers einbezogen werden können, ist deren Meinung wichtig. Auch wenn sie keine absolute Vetomacht haben, wird ihre Meinung bei der Entscheidung berücksichtigt.
Die "besondere Schwere der Schuld" ist ein entscheidender Faktor. Sie wird individuell für jeden Fall geprüft. Dabei werden beispielsweise die Brutalität der Tat, die Motive des Täters und die Auswirkungen auf das Opfer berücksichtigt. Wenn die Schuld als besonders schwerwiegend eingestuft wird, kann die Entlassung auf Bewährung auch nach mehr als 15 Jahren ausgeschlossen sein.

Die Rolle der Sozialprognose
Die Sozialprognose ist wie ein Blick in die Zukunft. Experten, wie Psychologen und Sozialarbeiter, erstellen Gutachten, in denen sie einschätzen, wie sich der Verurteilte in Freiheit verhalten wird. Sie berücksichtigen dabei:
- Das Verhalten während der Haft: Hat sich der Verurteilte an die Regeln gehalten? Hat er an Therapieprogrammen teilgenommen? Hat er Reue gezeigt?
- Die Persönlichkeit des Verurteilten: Ist er bereit, Verantwortung für seine Taten zu übernehmen? Hat er sich verändert?
- Die Lebensumstände nach der Haft: Hat er eine Wohnung? Hat er einen Job? Hat er ein soziales Netzwerk, das ihn unterstützt?
Eine positive Sozialprognose ist unerlässlich für eine Entlassung auf Bewährung. Wenn die Experten zu dem Schluss kommen, dass die Gefahr besteht, dass der Verurteilte wieder straffällig wird, wird er nicht freigelassen.
Was passiert, wenn die Entlassung abgelehnt wird?
Wenn das Gericht die Entlassung auf Bewährung ablehnt, kann der Verurteilte erneut einen Antrag stellen. In der Regel wird dann ein gewisser Zeitraum abgewartet, bevor der Antrag erneut geprüft wird. Dieser Zeitraum kann mehrere Jahre betragen.
Es ist also ein langer und schwieriger Weg, bis ein zu lebenslanger Haft Verurteilter wieder in Freiheit kommt.

Die "Sicherungsverwahrung" als zusätzliche Hürde
Es gibt noch eine weitere Möglichkeit, die verhindern kann, dass ein Verurteilter nach Verbüßung seiner Strafe freigelassen wird: die Sicherungsverwahrung. Die Sicherungsverwahrung wird angeordnet, wenn von dem Verurteilten auch nach Verbüßung seiner Strafe eine erhebliche Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht. Das bedeutet, dass die Gefahr besteht, dass er weitere schwere Straftaten begehen wird.
Die Sicherungsverwahrung ist eine separate Maßnahme, die nach der Haftstrafe angeordnet wird. Sie kann auch dann angeordnet werden, wenn der Verurteilte zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und die Voraussetzungen für eine Entlassung auf Bewährung nicht erfüllt sind.
Die Sicherungsverwahrung ist sehr umstritten, da sie eine sehr weitgehende Einschränkung der Freiheit des Betroffenen darstellt. Sie wird nur in Ausnahmefällen angeordnet.
Lebenslänglich bei Mord: Eine Besonderheit
Bei Mord sieht das Gesetz eine lebenslange Freiheitsstrafe vor (§ 211 StGB). Allerdings ist hier die Wahrscheinlichkeit, dass die "besondere Schwere der Schuld" festgestellt wird, sehr hoch. Das liegt daran, dass Mord eine besonders schwere Straftat ist, die das höchste Rechtsgut – das Leben – verletzt.

In den meisten Fällen, in denen jemand wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wird, wird die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Das bedeutet, dass eine Entlassung auf Bewährung nach 15 Jahren in der Regel ausgeschlossen ist. Die tatsächliche Haftdauer kann dann deutlich länger sein, oft 20 Jahre oder mehr.
Warum diese lange Haftstrafen?
Manche fragen sich vielleicht, warum jemand, der einen Mord begangen hat, überhaupt die Chance auf eine Entlassung bekommen sollte. Das deutsche Strafrechtssystem basiert auf dem Prinzip der Resozialisierung. Das bedeutet, dass das Ziel des Strafvollzugs nicht nur die Bestrafung des Täters ist, sondern auch seine Wiedereingliederung in die Gesellschaft.
Die Möglichkeit einer Entlassung auf Bewährung soll dem Verurteilten einen Anreiz geben, sich während der Haft positiv zu entwickeln und Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. Es ist ein Signal, dass es eine Chance auf eine zweite Chance gibt, auch wenn diese Chance sehr klein und mit hohen Hürden verbunden ist.
Fazit: "Lebenslänglich" ist komplexer als gedacht
Wie wir gesehen haben, ist die Frage, wie lange "lebenslänglich" in Deutschland dauert, nicht einfach zu beantworten. Es ist kein fester Zeitraum, sondern eine flexible Regelung, die von vielen Faktoren abhängt.

Die wichtigsten Punkte sind:
- "Lebenslänglich" bedeutet eine Freiheitsstrafe bis zum Tod, aber mit der Möglichkeit der Entlassung auf Bewährung.
- Die früheste Möglichkeit der Entlassung ist nach 15 Jahren gegeben.
- Die Voraussetzungen für eine Entlassung sind eine positive Sozialprognose und das Fehlen einer besonderen Schwere der Schuld.
- Bei Mord ist die Wahrscheinlichkeit, dass die besondere Schwere der Schuld festgestellt wird, sehr hoch.
Das deutsche Strafrechtssystem ist darauf ausgerichtet, nicht nur zu bestrafen, sondern auch zu resozialisieren. Die Möglichkeit der Entlassung auf Bewährung ist ein wichtiger Bestandteil dieses Systems, auch wenn sie in der Praxis nur selten genutzt wird.
Denk darüber nach!
Beim nächsten Mal, wenn du mit deinen Freunden über das Thema redest, kannst du mit deinem Wissen glänzen. Du weißt jetzt, dass "lebenslänglich" nicht gleich "lebenslänglich" ist und dass es viele Faktoren gibt, die die tatsächliche Haftdauer beeinflussen. Du kannst die Diskussion anregen, ob unser Strafrechtssystem die richtige Balance zwischen Bestrafung und Resozialisierung findet. Es ist ein komplexes Thema, das viele Fragen aufwirft und zum Nachdenken anregt.
Und vergiss nicht: Das Gesetz ist dynamisch und kann sich ändern. Es lohnt sich also, am Ball zu bleiben und sich über aktuelle Entwicklungen zu informieren.
