Sommerhaus Später Judith Hermann

Okay, Leute, mal ehrlich. Haben wir alle wirklich Judith Hermanns "Sommerhaus, später" geliebt? Ich meine, wirklich geliebt? Ich wage zu bezweifeln.
Ich weiß, ich weiß. Das ist ein Sakrileg. Ein Angriff auf die heilige Kuh der deutschen Gegenwartsliteratur. Aber hört mir kurz zu, bevor ihr mich steinigt.
Dieses Buch...es ist wie ein langer, grauer Sonntagnachmittag. Ihr wisst schon, so einer, wo draußen der Regen trommelt und man eigentlich total müde ist, aber trotzdem noch Netflix durchscrollt, in der Hoffnung, dass irgendwas passiert. Aber es passiert halt einfach nichts. Nur noch mehr Regen. Und noch mehr Netflix.
Must Read
Die Charaktere: Irgendwie alle gleich?
Die Figuren in "Sommerhaus, später" sind... Figuren. Sie existieren. Sie atmen. Sie reden. Aber so richtig packen tun sie einen nicht, oder? Sie sind alle so...abgeklärt. Müde. Ein bisschen traurig. Und irgendwie auch alle gleich. Ich meine, klar, sie haben unterschiedliche Namen und Jobs. Aber im Grunde sind sie alle der gleiche melancholische, rauchende, etwas gelangweilte Mensch.
Und das meine ich nicht böse. Ich bin selbst manchmal ein melancholischer, rauchender, etwas gelangweilter Mensch. Aber ich will das nicht auch noch in meiner Freizeit lesen! Ich will Eskapismus! Ich will Drama! Ich will... naja, irgendwas außer noch mehr Melancholie.

Klar, die Sprache ist schön. Judith Hermann kann schreiben, das streitet ja keiner ab. Ihre Sätze sind wie kleine, perfekt geformte Steine. Aber wenn man 300 Seiten lang mit kleinen, perfekt geformten Steinen beworfen wird, wird es irgendwann auch mal anstrengend.
Und die Handlung? Naja, wo war die eigentlich? Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wann denn endlich mal was passiert. Irgendein Plot Twist! Eine unerwartete Wendung! Ein sprechender Hund! Irgendwas! Aber nein. Stattdessen gab es noch mehr Zigaretten, noch mehr Gespräche über das Leben und noch mehr graue Sonntagnachmittage.

Versteht mich nicht falsch...
Ich sage nicht, dass das Buch schlecht ist. Es ist nur...überbewertet? Oder vielleicht bin ich auch einfach nur zu doof dafür. Vielleicht bin ich zu sehr auf schnelle Unterhaltung und Popcorn-Kino getrimmt, um die subtile Schönheit von Judith Hermanns Werk zu erkennen.
Aber ich glaube, es ist okay, wenn man ein Buch nicht mag, auch wenn alle anderen es lieben. Wir müssen nicht alle das gleiche gut finden. Wir dürfen auch mal eine unpopuläre Meinung haben.
Und meine unpopuläre Meinung ist: "Sommerhaus, später" war...okay. Nett. Aber nicht das Meisterwerk, als das es so oft verkauft wird.

Ich würde das Buch jetzt nicht unbedingt verbrennen, aber ich würde es auch nicht unbedingt noch mal lesen.
Vielleicht liegt es auch daran, dass ich lieber einen spannenden Krimi lese, in dem es um mordende Gärtner geht. Oder einen kitschigen Liebesroman, in dem sich zwei Menschen in einem Heißluftballon verlieben. Oder ein Fantasy-Epos, in dem Elfen und Zwerge um die Weltherrschaft kämpfen. Irgendwas, was mich von meinem eigenen melancholischen, rauchenden, etwas gelangweilten Leben ablenkt.
Aber hey, Geschmäcker sind verschieden, oder? Vielleicht habt ihr "Sommerhaus, später" geliebt. Vielleicht habt ihr die Tiefe und die Melancholie und die perfekt geformten Steine genossen. Das ist auch okay!

Aber bitte steinigt mich jetzt nicht, weil ich es nicht getan habe.
Vielleicht sollte ich es einfach noch mal lesen. In einem grauen Sonntagnachmittag, versteht sich.
Oder vielleicht doch lieber Netflix.
