Rainer Maria Rilke Liebeslied

Okay, stellt euch vor: Ich sitze im Café, Cappuccino vor mir (der war übrigens viel zu heiß!), und höre, wie sich zwei Studenten am Nachbartisch über... Liebe streiten. Genauer gesagt, darüber, ob Liebe ein Verschmelzen oder doch eher ein Nebeneinander-Existieren ist. Er plädiert für Verschmelzung, sie für Individualität. Tja, und da musste ich unweigerlich an Rilke denken. Ihr wisst schon, Rainer Maria Rilke, der Meister der Melancholie und der komplizierten Gefühle. Genau der Richtige für so eine Diskussion!
Warum Rilke? Weil sein "Liebeslied" (oder besser gesagt, eines seiner "Liebeslieder," denn er hat ja ein paar davon geschrieben) genau diese Spannung zwischen Nähe und Distanz in der Liebe so unfassbar gut einfängt. Es ist kein Zuckerguss-Kitsch, sondern eher eine Art Sezierung der Liebe, mit ganz viel Poesie und Tiefgang.
Worum geht's in dem Gedicht überhaupt? Nun, im Kern geht es um zwei Menschen, die zwar zueinander hingezogen sind, aber eben nicht zu einem einzigen, verschwommenen Wesen verschmelzen. Sie bleiben zwei getrennte Sterne am Himmel, jeder mit seiner eigenen Umlaufbahn, seiner eigenen Leuchtkraft. Das ist, finde ich, eine ziemlich realistische Sichtweise auf die Liebe, oder was meint ihr?
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Die zwei Pfeile und das ewige Kreisen
Eine der bekanntesten Metaphern in Rilkes "Liebeslied" sind die zwei Pfeile. Zwei Pfeile, die zwar in die gleiche Richtung fliegen, aber eben doch nicht eins werden. Jeder behält seine eigene Flugbahn bei. Das Bild ist unglaublich stark und vermittelt sofort, dass es hier nicht um Besitz oder Aufgabe der eigenen Identität geht.
"Wie soll ich meine Seele halten, daß sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie hinheben über dich zu andern Dingen?" - Das sind einige der berühmtesten Zeilen des Gedichts. Und sie sprechen Bände. Rilke ringt hier mit der Angst, sich in der Liebe zu verlieren, die eigene Seele preiszugeben. Er sucht nach einem Weg, die Liebe zu leben, ohne dabei die eigene Individualität aufzugeben. Klingt anstrengend? Vielleicht. Aber auch unglaublich ehrlich.

Das Motiv des Kreises taucht auch immer wieder auf. Die Liebenden umkreisen einander, ziehen einander an, aber berühren sich nie wirklich vollständig. Das ist nicht unbedingt negativ zu verstehen. Es bedeutet vielmehr, dass die Liebe ein Prozess ist, ein ständiges In-Bewegung-Sein. Findet ihr nicht auch, dass es gerade diese Distanz ist, die die Anziehungskraft aufrecht erhält?
Kein Happy End, aber viel Wahrheit
Versteht mich nicht falsch, Rilkes "Liebeslied" ist keine Anleitung für eine distanzierte Beziehung. Es ist vielmehr eine Aufforderung, die eigene Identität in der Liebe zu bewahren und den Partner als eigenständige Person zu respektieren. Es ist ein Plädoyer für eine Liebe, die auf Augenhöhe stattfindet, ohne den Anspruch auf vollständige Verschmelzung.

Am Ende des Gedichts gibt es kein klassisches Happy End. Die Liebenden bleiben getrennt, jeder in seinem eigenen Universum. Aber vielleicht ist das ja auch das Geheimnis einer langen und erfüllten Beziehung: Sich nicht zu verlieren, sondern sich gegenseitig Raum zu geben, um sich zu entfalten.
Und was ist jetzt mit dem Pärchen im Café? Ich hätte ihnen am liebsten eine Kopie von Rilkes "Liebeslied" zugesteckt. Aber vielleicht ist es ja auch gut, wenn jeder seine eigene Vorstellung von Liebe hat. Hauptsache, man redet darüber – und trinkt dabei einen (nicht zu heißen) Cappuccino.
