Jenny Erpenbeck Gehen Ging Gegangen

Kennt ihr das? Du stehst an der Supermarktkasse, und die Frau vor dir kramt in ihrem riesigen Portemonnaie nach dem passenden 2-Euro-Stück. Minutenlang. Und du denkst: "Mensch, ich hab doch Zeit, aber eigentlich auch nicht." Jenny Erpenbecks Gehen Ging Gegangen ist ein bisschen wie diese Situation – nur viel, viel tiefgründiger und ohne nerviges Klimpern. Es geht ums Warten, um die Zeit, die verrinnt, und um das Gefühl, dass etwas fehlt.
Stellt euch vor, ihr seid Professor, habt euer Leben lang geforscht und Vorlesungen gehalten. Plötzlich seid ihr im Ruhestand. Zack. Nichts mehr zu tun. So geht es Richard, dem Protagonisten in Erpenbecks Roman. Er ist Altphilologe, also jemand, der sich mit toten Sprachen auskennt. Aber das Leben um ihn herum ist alles andere als tot. Es ist voller Leben, nur dass er keinen Schlüssel mehr hat, um es zu verstehen.
Das leere Nest und die Suche nach einem neuen
Richard ist wie ein Vogel, dessen Nest plötzlich leer ist. Seine Frau ist tot, seine Arbeit getan. Was nun? Er stolpert über eine Gruppe afrikanischer Flüchtlinge, die in Berlin gestrandet sind. Und hier fängt die eigentliche Geschichte an. Er beginnt, sich mit ihnen zu beschäftigen, ihre Geschichten zu hören, ihre Perspektiven zu verstehen. Das ist, als würde man ein altes Möbelstück entstauben und feststellen, dass es unter dem Staub noch richtig gut aussieht.
Must Read
Diese Begegnung ist nicht einfach eine nette Geste eines alten Mannes. Es ist ein Zusammenprall von Welten. Richard, der gelehrte Professor, trifft auf junge Männer, die Krieg, Hunger und Flucht erlebt haben. Er, der sich mit antiken Texten auskennt, lernt von Menschen, die die Realität des 21. Jahrhunderts hautnah erfahren.
Integration – eine holprige Achterbahnfahrt
Erpenbeck wirft uns mitten hinein in die Integrationsdebatte. Aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit viel Feingefühl und Humor. Stellt euch vor, Integration wäre ein Tanzkurs: Es gibt stolze Schritte, verpatzte Drehungen und jede Menge unbeholfene Momente. Richard versucht, den Flüchtlingen zu helfen, aber er ist oft unsicher, wie er es richtig anstellt. Er ist wie ein Tanzlehrer, der selbst noch nie einen Tango getanzt hat.

Die Flüchtlinge haben ihrerseits mit Vorurteilen, Bürokratie und dem Heimweh zu kämpfen. Sie sind wie Pflanzen, die in fremde Erde gesetzt wurden und versuchen, Wurzeln zu schlagen. Einige schaffen es, andere vertrocknen.
Mehr als nur eine Flüchtlingsgeschichte
Gehen Ging Gegangen ist aber mehr als nur eine Flüchtlingsgeschichte. Es ist eine Geschichte über das Älterwerden, über die Suche nach Sinn im Leben und über die Frage, was es bedeutet, Mensch zu sein. Es ist wie ein Spiegel, der uns vorgehalten wird. Wir sehen nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch uns selbst.

Richard stellt fest, dass er durch die Begegnung mit den Flüchtlingen nicht nur ihnen hilft, sondern auch sich selbst. Er entdeckt eine neue Aufgabe, eine neue Leidenschaft. Er ist wie ein Detektiv, der nicht mehr antike Texte entziffert, sondern menschliche Schicksale.
Das Buch regt zum Nachdenken an, ohne zu belehren. Es ist wie ein guter Freund, der einem unbequeme Fragen stellt, aber immer mit einem Augenzwinkern. Es zeigt uns, dass wir alle auf der Suche sind, nach einem Platz in der Welt, nach Anerkennung und nach dem Gefühl, gebraucht zu werden.

Fazit: Ein Buch, das nachhallt
Gehen Ging Gegangen ist keine leichte Kost. Es ist ein Buch, das Zeit braucht, um zu wirken. Aber es ist ein Buch, das lange nachhallt. Es ist wie ein Lied, das man immer wieder hört, weil es einen berührt. Es ist ein Buch, das uns daran erinnert, dass wir alle miteinander verbunden sind, egal woher wir kommen und welche Sprache wir sprechen.
Und vielleicht, ganz vielleicht, verstehen wir nach der Lektüre das nächste Mal an der Supermarktkasse die Frau mit dem riesigen Portemonnaie ein bisschen besser. Vielleicht. Oder zumindest zucken wir nur innerlich kurz mit den Schultern und denken: "Ist ja auch 'ne Art von Gehen Ging Gegangen."
