Haben Sie sich jemals gefragt, warum manche Geschichten so allwissend wirken, als wüsste der Erzähler alles über die Charaktere und ihr Innenleben? Dann sind Sie wahrscheinlich einem auktorialen Erzähler begegnet. Dieser Artikel beleuchtet, was genau einen auktorialen Erzähler ausmacht, wie er sich von anderen Erzählperspektiven unterscheidet und welche Wirkung er auf eine Geschichte haben kann. Zielgruppe sind Leser und angehende Autoren, die ihr Verständnis von Erzähltechniken vertiefen möchten.
Was ist ein auktorialer Erzähler?
Der auktoriale Erzähler ist eine Erzählinstanz, die sich nicht als Teil der Geschichte präsentiert. Er ist allwissend und allgegenwärtig. Im Gegensatz zum Ich-Erzähler oder dem personalen Erzähler, der auf die Perspektive einer Figur beschränkt ist, verfügt der auktoriale Erzähler über einen umfassenden Überblick über das Geschehen. Er kann:
Die Gedanken und Gefühle aller Charaktere kennen.
Ereignisse in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schildern.
Kommentare zum Geschehen abgeben und die Handlung bewerten.
Den Leser direkt ansprechen und seine Aufmerksamkeit lenken.
Man könnte ihn sich als einen allwissenden Beobachter vorstellen, der die Fäden der Geschichte in der Hand hält und dem Leser Einblicke gewährt, die den Figuren selbst verborgen bleiben.
Die Kennzeichen eines auktorialen Erzählers sind vielfältig:
Allwissenheit: Er kennt die Gedanken, Gefühle und Motivationen aller Charaktere, egal ob Haupt- oder Nebenfigur.
Allgegenwärtigkeit: Er kann sich frei durch Zeit und Raum bewegen und jeden Ort und jede Situation beschreiben.
Kommentierung: Er kann die Handlung kommentieren, bewerten und moralische Urteile fällen.
Distanz: Obwohl er allwissend ist, hält er oft eine gewisse Distanz zu den Figuren und dem Geschehen, was ihm eine objektive Perspektive verleiht.
Direkte Ansprache des Lesers: Er kann den Leser direkt ansprechen, ihm Fragen stellen oder ihn in die Geschichte einbeziehen.
Ein Beispiel für einen auktorialen Erzähler, der die Handlung kommentiert, könnte so aussehen: "Ob Anna ahnte, welche Konsequenzen ihr Handeln haben würde? Wahrscheinlich nicht, denn in ihrer jugendlichen Unbekümmertheit..."
Der auktoriale Erzähler - alle Eigenschaften + Beispiele!
Unterschiede zu anderen Erzählperspektiven
Es ist wichtig, den auktorialen Erzähler von anderen Erzählperspektiven zu unterscheiden:
Ich-Erzähler: Erzählt die Geschichte aus der Perspektive einer Figur ("Ich"). Die Sichtweise ist begrenzt auf das, was diese Figur erlebt und weiß.
Personaler Erzähler (Er/Sie-Erzähler): Erzählt die Geschichte aus der Perspektive einer bestimmten Figur ("Er" oder "Sie"). Die Sichtweise ist auf die Gedanken und Gefühle dieser Figur beschränkt, aber es gibt keine direkte Beteiligung als "Ich".
Neutraler Erzähler: Beschreibt die Handlung objektiv, ohne Einblick in die Gedanken und Gefühle der Charaktere. Ähnelt einer Kamera, die das Geschehen aufzeichnet.
Der auktoriale Erzähler hingegen steht über diesen Perspektiven und kann jederzeit Einblicke in alle Aspekte der Geschichte geben.
Der auktoriale Erzähler - alle Eigenschaften + Beispiele!
Wirkung des auktorialen Erzählers
Die Wahl des auktorialen Erzählers hat einen großen Einfluss auf die Wirkung einer Geschichte. Er kann:
Spannung erzeugen: Indem er Andeutungen macht und Informationen zurückhält, kann er die Spannung steigern und den Leser neugierig machen.
Ironie verstärken: Indem er mehr weiß als die Charaktere, kann er ironische Situationen hervorheben und humorvolle Effekte erzeugen.
Moralische Botschaften vermitteln: Durch seine Kommentare und Bewertungen kann er den Leser zu bestimmten Schlussfolgerungen führen und moralische Botschaften vermitteln.
Distanz schaffen: Die Allwissenheit und Distanz des Erzählers können eine gewisse Distanz zum Geschehen erzeugen, die den Leser zu einer kritischen Betrachtung anregt.
Allerdings birgt der auktoriale Erzähler auch Risiken. Wenn er zu dominant ist oder zu viele Kommentare abgibt, kann er die Immersion des Lesers stören und die Glaubwürdigkeit der Geschichte untergraben.
Der auktoriale Erzähler - alle Eigenschaften + Beispiele!
Beispiele für den Einsatz des auktorialen Erzählers
Viele klassische Romane bedienen sich des auktorialen Erzählers. Beispiele hierfür sind:
"Es war einmal vor langer Zeit, in einem weit entfernten Land..." – Viele Märchen beginnen mit einem auktorialen Erzähler, der die Rahmenbedingungen der Geschichte festlegt.
Der auktoriale Erzähler - alle Eigenschaften + Beispiele!
Klassische Romane des 19. Jahrhunderts, wie z.B. Werke von Jane Austen oder Charles Dickens, setzen häufig auf den auktorialen Erzähler, um Einblicke in die Gesellschaft und die Charaktere zu geben.
Auch in modernen Romanen kann der auktoriale Erzähler eingesetzt werden, allerdings oft in subtilerer Form.
Fazit
Der auktoriale Erzähler ist ein mächtiges Werkzeug für Autoren. Er ermöglicht es, die Geschichte aus einer umfassenden Perspektive zu erzählen, Spannung zu erzeugen und moralische Botschaften zu vermitteln. Die bewusste Entscheidung für oder gegen ihn, sowie das Verständnis seiner Stärken und Schwächen, ist ein entscheidender Schritt für jeden Autor, der eine fesselnde Geschichte erzählen möchte. Indem Sie die Merkmale und Wirkungen des auktorialen Erzählers verstehen, können Sie ihn effektiver einsetzen und Ihre Geschichten noch wirkungsvoller gestalten. Die bewusste Wahl dieser Erzählperspektive kann den Unterschied zwischen einer guten und einer großartigen Geschichte ausmachen.