Vox Ich Bin Klein Und Ihr Seid Alt

Erinnert ihr euch an die Familienfeiern als Kinder? Ich erinnere mich an eine ganz bestimmte. Ich war vielleicht 8 Jahre alt, saß am Tisch zwischen Onkel Herbert, der immer Witze erzählte, die keiner verstand, und Tante Erna, deren Parfüm so stark war, dass es fast die Tapete ablöste. Irgendwann, nach dem dritten Stück Kuchen, sagte ich (vermutlich viel lauter, als ich sollte): "Ihr seid ja alle so alt!" Stille. Totenstille. Nur Onkel Herbert räusperte sich verdächtig. War keine gute Idee, das zu sagen. Aber hey, Kinder sagen die Wahrheit, oder?
Und genau das ist es, was mir immer einfällt, wenn ich "Vox Ich Bin Klein Und Ihr Seid Alt" höre. Nicht, weil ich mich mit den "Kleinen" identifiziere (ich bin jetzt definitiv auf der "Ihr Seid Alt"-Seite der Gleichung angelangt - ohje!), sondern wegen der grundsätzlichen Konfrontation, die dieses Zitat so brillant einfängt.
Dieses Zitat, oft fälschlicherweise Bertolt Brecht zugeschrieben (obwohl es von Rudolf Meyer stammt), ist mehr als nur ein frecher Spruch. Es ist eine Aussage über Machtverhältnisse, über Generationenkonflikte und über die Art und Weise, wie wir die Welt sehen. Denn, mal ehrlich, sehen nicht alle Kinder ihre Eltern und Großeltern als "alt" an? Ich meine, jemand, der über 30 ist, ist doch quasi ein Dinosaurier, oder? (Kleiner Scherz. Hoffentlich.)
Must Read
Die Kraft der Perspektive
Das "Ich bin klein" ist ja nicht nur eine physische Beschreibung. Es ist auch ein Ausdruck von Unschuld, von Unwissenheit (im besten Sinne) und von einer anderen Art, die Welt zu erleben. Kinder sehen die Welt mit Neugier und Staunen, ohne die vorgefertigten Meinungen und den Zynismus, der uns Erwachsenen oft in die Quere kommt.
Und das "Ihr seid alt" ist eben nicht nur eine Feststellung des Alters. Es ist eine Anklage. Eine Anklage gegen die Festgefahrenheit, die Traditionen, die veralteten Denkweisen. Es ist ein Ausdruck des Wunsches nach Veränderung, nach Fortschritt, nach einer Welt, die besser ist als die, die wir geerbt haben. (Oder zumindest eine, die ein bisschen weniger Tante Erna-Parfüm hat.)

Denkt mal drüber nach: Wann habt ihr das letzte Mal die Welt mit den Augen eines Kindes betrachtet? Wann habt ihr eure eigenen Überzeugungen und Gewohnheiten in Frage gestellt? Wann habt ihr euch wirklich für die Perspektive einer jüngeren Generation interessiert? Nicht nur genickt und gesagt "Ach ja, die Jugend von heute…", sondern wirklich zuhören und verstehen?
Die Ironie des Alterns
Das Ironische an der Sache ist ja, dass wir alle irgendwann "alt" werden. Und irgendwann werden wir selbst die "alten Leute" sein, die von der nächsten Generation als rückständig und konservativ abgestempelt werden. Und dann werden wir uns wahrscheinlich genauso fühlen wie unsere Eltern und Großeltern: missverstanden und übergangen.

Aber vielleicht, wenn wir uns jetzt daran erinnern, wie es war, "klein" zu sein, und versuchen, die Perspektive der jüngeren Generationen zu verstehen, können wir diesen Kreislauf durchbrechen. Vielleicht können wir lernen, offener und toleranter zu sein, unsere eigenen Vorurteile zu hinterfragen und die Welt mit neuen Augen zu sehen. Vielleicht können wir sogar ein bisschen von dieser kindlichen Neugier und diesem Staunen zurückgewinnen.
Also, das nächste Mal, wenn ihr "Vox Ich Bin Klein Und Ihr Seid Alt" hört, denkt nicht nur an eure eigenen Familienfeiern (und an das Trauma, das Tante Ernas Parfüm verursacht hat). Denkt daran, dass es eine Einladung ist. Eine Einladung, sich selbst und die Welt um uns herum zu hinterfragen. Eine Einladung, offen zu bleiben und dazuzulernen. Und vielleicht sogar eine Einladung, ein bisschen weniger "alt" zu sein – im Herzen, zumindest.
Was meint ihr dazu? Lasst es mich in den Kommentaren wissen! (Und keine Sorge, ich verrate auch niemandem, wie alt ihr wirklich seid.)
