Szenenanalyse Der Besuch Der Alten Dame Seite 113 118

Die folgende Szenenanalyse widmet sich dem Abschnitt von Seite 113 bis 118 aus Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie Der Besuch der alten Dame. Ziel dieser Analyse ist es, die Dynamik zwischen Claire Zachanassian und den Güllenern, insbesondere Alfred Ill, in diesem entscheidenden Moment des Dramas herauszuarbeiten. Die Analyse richtet sich an Schüler, Studenten und Literaturinteressierte, die ein tieferes Verständnis der komplexen Themen Rache, Gerechtigkeit und Verführbarkeit suchen, die Dürrenmatt in seinem Werk behandelt.
Der Abschnitt von Seite 113 bis 118 markiert einen Wendepunkt im Drama. Die zunächst zurückhaltende und zögerliche Haltung der Güllener gegenüber Claire Zachanassians Angebot weicht zunehmend einer unterschwelligen Akzeptanz. Man spürt, wie die Saat der Verführung aufgeht und die moralischen Bedenken langsam verblassen. Es ist ein Prozess der schleichenden Korruption, der hier seinen Anfang nimmt.
Der Kontext der Szene
Vor der betrachteten Szene hat Claire Zachanassian ihr unmoralisches Angebot öffentlich gemacht: Eine Milliarde für Güllen, wenn Alfred Ill getötet wird. Die Güllener beteuern daraufhin ihre Ablehnung und ihren moralischen Kompass. Sie demonstrieren ihren Zusammenhalt und ihre Menschlichkeit. Alfred Ill fühlt sich zunächst sicher und geborgen in der Gemeinschaft. Doch diese trügerische Sicherheit beginnt zu bröckeln, als die Güllener plötzlich auf Kredit einkaufen, neue Schuhe tragen und sich augenscheinlich an Claires versprochenem Geldsegen erfreuen.
Must Read
Die Analyse der Szene (Seite 113-118)
In diesem Abschnitt spitzt sich die Spannung dramatisch zu. Folgende Aspekte sind besonders hervorzuheben:
- Ills zunehmende Isolation: Alfred Ill wird immer deutlicher bewusst, dass seine vermeintlichen Freunde und Nachbarn sich von ihm distanzieren. Die anfängliche Solidarität bröckelt, und er fühlt sich zunehmend allein und verraten. Die Dialoge, in denen er verzweifelt versucht, die Menschen an ihre moralischen Werte zu appellieren, werden von zunehmender Gleichgültigkeit und Ausflüchten beantwortet.
- Die subtile Manipulation: Claire Zachanassian selbst tritt in dieser Szene nicht aktiv in Erscheinung. Ihre Präsenz ist jedoch allgegenwärtig. Ihre Macht manifestiert sich in den Handlungen und Entscheidungen der Güllener. Sie hat das Umfeld so manipuliert, dass die Güllener scheinbar aus freiem Willen handeln, obwohl sie in Wirklichkeit von der Aussicht auf Reichtum getrieben werden.
- Die Verschiebung der Moralvorstellungen: Die Güllener rationalisieren ihre Handlungen. Sie reden sich ein, dass Ill seinen Tod verdient habe oder dass sie Güllen mit dem Geld eine bessere Zukunft ermöglichen könnten. Diese Rechtfertigungen sind ein Zeichen für den Verlust ihrer moralischen Integrität. Der Zweck heiligt die Mittel – diese fragwürdige Maxime gewinnt in ihren Köpfen an Bedeutung.
- Die Symbolik der neuen Schuhe: Die neuen, gelben Schuhe, die die Güllener tragen, sind ein starkes Symbol für die Verführung durch das Geld. Sie sind ein sichtbares Zeichen für den Wandel in der Stadt und die Korruption, die um sich greift. Sie symbolisieren den Konsum und die Verlockung des materiellen Wohlstands, der über moralische Werte gestellt wird.
Beispielhafte Textstellen und ihre Bedeutung
"Ill: Ihr seid doch meine Freunde! Ihr werdet mich doch nicht..." (Seite 114)
Dieser Ausruf verdeutlicht Ills Verzweiflung und seinen Unglauben. Er kann nicht fassen, dass seine Freunde ihn im Stich lassen. Der Satz ist unvollendet, was seine Hilflosigkeit und die drohende Gefahr unterstreicht.

"Der Polizist (zu Ill): Wir müssen doch die Ordnung aufrechterhalten." (Seite 116)
Diese Aussage des Polizisten, der eigentlich für den Schutz der Bürger zuständig ist, zeigt die Perversion der Gerechtigkeit. Die Ordnung wird nicht mehr im Sinne der Moral, sondern im Sinne des Profitinteresses aufrechterhalten. Der Polizist ist längst Teil des korrumpierten Systems geworden.
"Der Lehrer (zu Ill): Du musst dich selbst befreien." (Seite 117)
Der Lehrer, der anfänglich Ill unterstützt, rät ihm letztendlich, sich selbst zu richten. Dies ist ein Zeichen seiner Resignation und seiner Kapitulation vor der Macht des Geldes. Der Lehrer erkennt, dass er gegen die allgemeine Korruption machtlos ist.

Die Funktion der Sprache
Dürrenmatt verwendet eine präzise und lakonische Sprache, um die Kälte und die Berechnungen der Güllener zu verdeutlichen. Die Dialoge sind oft von Ironie und Sarkasmus geprägt, was die Tragik der Situation zusätzlich verstärkt. Die kurzen, abgehackten Sätze unterstreichen die Nervosität und die unterschwellige Aggression, die in der Luft liegen.
Die Verwendung von Wiederholungen (z.B. das wiederholte Erwähnen der neuen Schuhe) dient dazu, bestimmte Motive und Symbole hervorzuheben und die Verführungskraft des Geldes zu betonen.
Schlussfolgerung
Der Abschnitt von Seite 113 bis 118 ist ein Schlüsselmoment im Drama, in dem die Verführung der Güllener ihren Höhepunkt erreicht und Ills Schicksal besiegelt wird. Dürrenmatt zeigt auf eindringliche Weise, wie Geld und Macht die Moral korrumpieren und eine ganze Gesellschaft in den Abgrund reißen können. Die Szene verdeutlicht die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft und die Gefahren der Selbstgerechtigkeit. Die Analyse dieser Textstelle hilft, die zentralen Themen des Werkes besser zu verstehen und die Aktualität der Dürrenmattschen Warnung vor der Verführbarkeit des Menschen zu erkennen. Die Tragikomödie Der Besuch der alten Dame ist somit mehr als nur eine Geschichte – sie ist ein Spiegel, der uns unsere eigenen moralischen Schwächen vor Augen führt. Die Szenenanalyse hat gezeigt, wie subtil und perfide die Manipulation der Güllener vonstattengeht und wie schnell eine vermeintlich intakte Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert werden kann. Ein Lehrstück über Moral, Rache und die dunkle Seite der menschlichen Natur.
