Okay, mal ehrlich. Das Lutherjahr und die 95 Thesen. Ist das nicht langsam…nun ja…etwas viel?
Ich meine, Martin Luther war wichtig. Keine Frage! Er hat einiges auf den Kopf gestellt. Aber jedes Jahr aufs Neue diese Luther-Euphorie? Ich sage es mal so: Mein Backzahn hat weniger Bohrlöcher als die Anzahl der Luther-Gedenkveranstaltungen in meiner Stadt.
Versteht mich nicht falsch. Ich respektiere die Geschichte. Ich finde es gut, dass wir uns erinnern. Aber manchmal habe ich das Gefühl, wir übertreiben es ein bisschen. So nach dem Motto: "Oh nein, die Kartoffeln sind angebrannt! Egal, Luther hätte das auch gut gefunden, weil…irgendwas mit Widerstand gegen Autoritäten!"
Die 95 Thesen. Ein Mega-Hit im Mittelalter. Damals. Heute? Wenn ich die jemandem vorlese, der jünger als 25 ist, bekomme ich wahrscheinlich nur ein ratloses Schulterzucken. "Was, das ist alles? Das hätte ich auch auf Twitter gepostet!"
Und Hand aufs Herz: Haben wir die 95 Thesen wirklich gelesen? Oder kennen wir nur die Kurzfassung, die auf jede x-beliebige Tasse gedruckt wurde?
Die 95 Thesen Martin Luthers : Luther, Martin, Ludolphy, Ingetraut
Ich habe eine unpopuläre Meinung: Viele Leute tun so, als wären sie Experten für Martin Luther, aber in Wahrheit wissen sie nur, dass er irgendwas mit Kirche und Ablasshandel zu tun hatte. Und vielleicht noch, dass er einen Bart trug. War ein beeindruckender Bart, muss man ihm lassen.
Ich will ja nicht undankbar sein. Aber nach all den Jahren Luther-Gedenken könnte ich die 95 Thesen im Schlaf aufsagen. Rückwärts. Mit verbundenen Augen. Und trotzdem hätte ich das Gefühl, irgendetwas Wichtiges verpasst zu haben.
Mehr als nur Thesen: Was wirklich zählt
Vielleicht sollten wir uns weniger auf die 95 Thesen an sich konzentrieren und mehr darauf, was Luther wirklich erreichen wollte. Denken wir über seine Übersetzung der Bibel nach. Die hat die deutsche Sprache geprägt wie kaum etwas anderes. Oder über seinen Mut, gegen die Mächtigen aufzustehen. Das sind doch die Sachen, die wirklich beeindrucken!
Luthers 95 Thesen zum Nachlesen - 500 Jahre Reformation | Farbwaehler.de
Aber nein, wir bleiben lieber bei den 95 Thesen hängen. Als wären das die einzigen 95 Dinge, die Luther je gesagt oder getan hat.
"Hier stehe ich, ich kann nicht anders!" (angeblich)
October 31, 1517- Martin Luther posts 95 theses - The Declaration
Ein Zitat, das so oft wiederholt wurde, dass es schon fast abgenutzt ist. Trotzdem: Starker Spruch. Aber Luther war mehr als nur dieser eine Spruch. Er war ein komplexer Mensch mit Fehlern und Stärken. Und das sollten wir nicht vergessen.
Also, was nun?
Was ich eigentlich sagen will: Lasst uns das Lutherjahr ein bisschen entspannter angehen. Ein bisschen weniger Luther-Marathon, ein bisschen mehr Nachdenken darüber, was seine Ideen für uns heute bedeuten.
Vielleicht sollten wir mal überlegen, welche Thesen wir heute an die Tür der Kirche nageln würden. Welche Missstände müssen wir anprangern? Welche Veränderungen müssen wir anstoßen?
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Denn darum geht es doch eigentlich: Nicht nur die Vergangenheit zu feiern, sondern auch die Zukunft zu gestalten. Und das geht am besten, wenn wir uns nicht nur an Martin Luther erinnern, sondern auch von ihm lernen.
Und ganz ehrlich? Ich hätte auch nichts gegen ein Jahr ohne Luther-Gedenken. Einfach mal durchatmen. Vielleicht ein Bach-Jahr? Oder ein Goethe-Jahr? Die beiden haben ja auch was drauf gehabt.
Aber wer weiß, vielleicht irre ich mich ja auch. Vielleicht ist es ja gerade die ständige Wiederholung, die uns daran erinnert, was wirklich wichtig ist. Oder vielleicht brauche ich einfach nur eine neue Tasse.