Man Sagt Die Zeit Heilt Alle Wunden

Man Sagt, Die Zeit Heilt Alle Wunden... Echt jetzt?
Okay, lasst uns ehrlich sein. Wir alle kennen diesen Spruch. "Die Zeit heilt alle Wunden." Ein tröstender Gedanke, oder? Oma hat's gesagt, der beste Freund hat's gesagt, und gefühlt jeder Motivationsposter-Hersteller hat ihn in Goldlettern verewigt.
Aber ich muss mal was loswerden: Ich glaube, das ist totaler Quatsch.
Ja, ich habe es gesagt. Unpopuläre Meinung, ich weiß. Aber hört mich an! Ich sage nicht, dass Zeit gar nichts bewirkt. Natürlich verblasst der Schmerz mit der Zeit. Erinnerungen werden blasser, die täglichen Tränen trocknen, und man lernt, mit der neuen Normalität irgendwie klarzukommen.
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Aber heilen? Heilen im Sinne von "alles ist wieder wie vorher"? Nope. Null. Nada.
Stellt euch vor, ihr brecht euch ein Bein. Die Zeit heilt den Knochenbruch, ja. Aber ihr werdet immer wissen, dass er gebrochen war. Vielleicht erinnert ihr euch noch an den blöden Skiunfall. Vielleicht ist das Bein manchmal etwas steifer. Vielleicht werdet ihr bei Schneefall immer ein bisschen nervös.
Emotionale Wunden sind genauso. Die Narben bleiben. Sie sind ein Teil von uns. Sie erzählen eine Geschichte. Und manchmal, ganz unvermittelt, jucken sie wie verrückt.

Denkt an Liebeskummer. Klar, irgendwann geht's weiter. Man datet wieder, verliebt sich vielleicht sogar neu. Aber vergisst man den ersten großen Liebeskummer? Niemals! Er ist tief eingebrannt. Und jedes Mal, wenn ein bestimmtes Lied im Radio läuft, ist er wieder da. Hallo alte Wunde, schön dich wiederzusehen!
Und was ist mit dem Verlust eines geliebten Menschen? Die Trauer wird erträglicher, gewiss. Man lernt, mit dem Fehlen zu leben. Aber die Leere bleibt. Der Platz am Tisch ist immer noch frei. Und an jedem Geburtstag denkt man: "Ach, wenn er/sie doch nur hier wäre..."
Ich glaube, es wäre hilfreicher, wenn wir uns eingestehen würden: Die Zeit macht die Wunden erträglicher. Sie stumpft die scharfen Kanten ab. Sie lehrt uns, mit dem Schmerz zu leben, ohne dass er uns ständig umbringt.

Aber heilen? Papperlapapp!
Was ich eigentlich sagen will: Es ist okay, wenn du nicht "geheilt" bist. Es ist okay, wenn du immer noch Schmerzen hast. Es ist okay, wenn du dich manchmal an die schlimmen Dinge erinnerst. Das macht dich nicht schwach. Das macht dich menschlich.
Vielleicht sollten wir den Spruch ändern. Statt "Die Zeit heilt alle Wunden" könnten wir sagen: "Die Zeit hilft uns, mit unseren Wunden zu tanzen." Klingt doch viel besser, oder?

Oder wie wäre es mit: "Die Zeit macht die Wunden zu coolen Tattoos"? Naja, vielleicht ein bisschen weit hergeholt. Aber ihr versteht, was ich meine.
Also, das nächste Mal, wenn dir jemand diesen Spruch an den Kopf wirft, kannst du ihn freundlich aber bestimmt korrigieren. Sag ihm, dass die Zeit vielleicht hilft, aber eben nicht alles. Und dass es völlig in Ordnung ist, nicht perfekt "geheilt" zu sein.
Denn die Wahrheit ist: Unsere Narben sind ein Teil unserer Geschichte. Sie machen uns zu dem, was wir sind. Und sie sind ein Beweis dafür, dass wir stark genug waren, um all das zu überleben. Und das ist doch eigentlich ziemlich cool, oder?

Man sagt ja so vieles...aber hört nicht auf alles!
"Zeit heilt keine Wunden, sie verbindet sie nur." - Ein weiser Mensch
Und denkt daran: Wenn die Narben zu sehr jucken, sucht euch professionelle Hilfe. Es ist kein Zeichen von Schwäche, um Unterstützung zu bitten. Im Gegenteil!
Also, lasst uns unsere Narben feiern! (Nicht wortwörtlich, das wäre komisch.) Lasst uns ehrlich mit uns selbst und anderen sein. Und lasst uns aufhören, uns vorzumachen, dass die Zeit alles wieder gut macht. Denn das tut sie eben nicht. Aber sie hilft uns, mit allem fertig zu werden. Und das ist schon mal eine ganze Menge.
