Stell dir vor, du bist auf einer Party. Aber nicht irgendeine Party! Auf dieser Party werden die Regeln für die Gesellschaft aufgestellt, in der du leben wirst. Und das Beste (oder vielleicht auch das Gruseligste) daran: Du weißt noch nicht, wer du sein wirst, wenn die Party vorbei ist! Bist du ein Superhirn, ein Muskelprotz oder ein Künstler mit zwei linken Händen? Keine Ahnung!
Klingt verrückt? Genau das ist das Gedankenexperiment, das der Philosoph John Rawls mit seinem Schleier des Nichtwissens vorschlägt. Eine Art Gedankenspiel, um herauszufinden, wie eine gerechte Gesellschaft aussehen könnte.
Die Party ohne Namen
Also, stell dir vor, du stehst da, mit all den anderen Partygästen. Alle sind gleich uninformiert. Niemand weiß, ob er später reich oder arm sein wird, Mann oder Frau, gesund oder krank, klug oder… naja, sagen wir mal, "herausgefordert" in seinen kognitiven Fähigkeiten. Ihr alle werdet hinter einem dicken, fetten Vorhang platziert, der euch alles über eure zukünftige Identität verdeckt – der berüchtigte Schleier des Nichtwissens.
Jetzt kommt der Clou: Ihr sollt die Regeln für diese Gesellschaft festlegen. Gesetze, Verordnungen, alles! Aber denk dran: Was auch immer ihr beschließt, könnte auch dich betreffen, und zwar in jeder möglichen Lebenslage! Würdest du jetzt noch sagen: "Jeder, der blaue Augen hat, muss doppelt so viel Steuern zahlen"? Wohl eher nicht, denn du könntest ja selbst mit blauen Augen aufwachen!
Warum das Ganze?
Rawls wollte mit diesem Trick erreichen, dass wir gerechtere Entscheidungen treffen. Wenn wir nicht wissen, wo wir in der Gesellschaft landen werden, überlegen wir uns zweimal, ob wir bestimmte Gruppen benachteiligen. Denn wer weiß, vielleicht sind wir ja selbst bald Teil dieser Gruppe!
Filosofix - Was ist gerecht? Gedankenexperiment: Schleier des
Es ist, als würde man ein Stück Kuchen schneiden, ohne zu wissen, wer das erste Stück bekommt. Da würde man doch versuchen, alle Stücke so gleich groß wie möglich zu machen, oder?
Extrembeispiel: Das Lotterielos des Lebens
Man könnte das Ganze noch etwas weiter treiben. Stell dir vor, das Leben ist wie ein riesiges Lotterielos. Jeder von uns bekommt eines, und das Los entscheidet über unseren Start ins Leben: Familie, Bildung, Gesundheit, Glück… alles Zufall! Aber bevor die Lose verteilt werden, dürft ihr die Regeln für diese Lotterie festlegen. Wie viele Gewinner soll es geben? Wie hoch sollen die Gewinne sein? Was passiert mit den Verlierern?
Gerechtigkeitsgrundsätze. John Rawls und der Schleier des Nichtwissens
Würdest du sagen: "Die Gewinner bekommen alles, und die Verlierer sollen sehen, wo sie bleiben"? Wahrscheinlich nicht, denn dein eigenes Los könnte ja ein Nietenlos sein! Du würdest vermutlich eher dafür sorgen, dass es ein soziales Netz gibt, das die Verlierer auffängt, und dass die Gewinner einen Teil ihres Glücks mit den weniger Begünstigten teilen.
Rawls argumentierte, dass wir unter dem Schleier des Nichtwissens automatisch zu gerechteren Entscheidungen gelangen würden, weil wir egoistische Vorteile für bestimmte Gruppen (einschließlich unserer eigenen) vermeiden müssten.
Schleier des Nichtwissens - Schreibmentoren
Nicht perfekt, aber ein guter Anfang
Natürlich ist der Schleier des Nichtwissens nur ein Gedankenexperiment. In der Realität können wir unsere Vorurteile und unseren Eigennutz nicht einfach ausblenden. Aber die Idee ist trotzdem wertvoll. Sie fordert uns heraus, unsere Perspektive zu erweitern und uns in die Lage anderer Menschen hineinzuversetzen.
Das nächste Mal, wenn du über politische Entscheidungen oder soziale Ungerechtigkeiten nachdenkst, versuche, dir vorzustellen, du stehst hinter dem Schleier des Nichtwissens. Was wäre, wenn du selbst von dieser Entscheidung betroffen wärst, und zwar auf die denkbar schlechteste Weise? Würdest du die Entscheidung dann immer noch gut finden?
Vielleicht ist der Schleier des Nichtwissens ja nicht die Antwort auf alle Fragen, aber er ist definitiv ein guter Ausgangspunkt, um über eine gerechtere und fairere Gesellschaft nachzudenken. Und wer weiß, vielleicht können wir ja alle ein bisschen gerechter werden, wenn wir uns einfach öfter vorstellen, wir stünden auf dieser Party ohne Namen!