Förmlich Bei Der Anrede Zwei Wörter

Wisst ihr, was mir letztens aufgefallen ist? Etwas total Banales, aber trotzdem irgendwie lustig und typisch deutsch: die förmliche Anrede. Genauer gesagt, die Tatsache, dass sie aus zwei Wörtern besteht: "Sehr geehrte/r".
Klar, klingt erstmal nicht sonderlich aufregend. Aber haltet mal kurz inne und denkt darüber nach. In vielen anderen Sprachen ist die förmliche Anrede ein einziges Wort. "Dear" im Englischen, "Cher" im Französischen, "Caro" im Italienischen. Einfach, zack, fertig. Aber wir Deutschen? Wir brauchen gleich zwei Worte, um unseren Respekt auszudrücken.
Warum ist das so? Keine Ahnung. Vielleicht, weil wir einfach gründlicher sind. Oder vielleicht, weil wir uns nicht so leicht mit einem Wort zufrieden geben wollen. Hauptsache, es klingt auch wirklich respektvoll! Man könnte fast meinen, wir hätten Angst, dass ein einzelnes "Geehrt" nicht genug Ehrfurcht einflößen würde.
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Ich stelle mir vor, wie das entstanden ist: Irgendwann saß da mal ein Beamter, vielleicht im preußischen Potsdam, und dachte sich: "Nein, 'Geehrt' allein ist zu wenig. Wir brauchen noch etwas Verstärkung. Etwas, das die Bedeutung unterstreicht. Etwas... sehr!" Und so wurde "Sehr geehrte/r" geboren.
Die Variationen des "Sehr geehrte/r"
Und was ist mit den ganzen Variationen? "Sehr geehrte Frau Müller", "Sehr geehrter Herr Schmidt", "Sehr geehrte Damen und Herren". Jede Version hat ihren eigenen Charme. Besonders die letzte Variante, "Sehr geehrte Damen und Herren", finde ich immer etwas amüsant. Wer sind diese "Damen und Herren"? Sitzen die alle an einem Tisch und warten darauf, förmlich angesprochen zu werden? Oder ist das einfach eine allgemeine Floskel für "alle, die das hier lesen"?
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Ich erinnere mich an eine Situation, als ich noch jung war. Meine Oma, eine sehr korrekte Dame, schrieb einen Brief an das Amt. Ich sollte ihr helfen. Sie diktierte: "Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit..." Ich fragte sie: "Oma, kennst du denn jemanden da?" Sie antwortete: "Nein, Kind, aber das gehört sich so!" Und so lernte ich die Macht und die Mysterien des "Sehr geehrte/r" kennen.
Besonders witzig wird es, wenn man bedenkt, dass wir im Alltag oft ganz anders miteinander umgehen. Da sind wir per "Du" und "Hallo", aber wehe, es geht um eine offizielle Angelegenheit! Dann wird plötzlich das volle Programm aufgefahren: "Sehr geehrte/r", "Mit freundlichen Grüßen", "Hochachtungsvoll". Manchmal denke ich, wir verwandeln uns in kleine Roboter, sobald wir einen Brief ans Amt schreiben.
Das "Sehr geehrte/r" im Wandel der Zeit
Aber auch das "Sehr geehrte/r" ist nicht vor dem Wandel der Zeit gefeit. Immer öfter sieht man auch in förmlichen Schreiben lockerere Anreden wie "Guten Tag" oder "Hallo". Manche empfinden das als respektlos, andere als erfrischend und zeitgemäß. Ich persönlich finde, es kommt immer auf den Kontext an. Wenn es um eine wichtige offizielle Angelegenheit geht, bleibe ich lieber beim klassischen "Sehr geehrte/r". Aber bei einer freundlichen Anfrage an einen Kundenservice darf es ruhig etwas lockerer sein.

Interessant ist auch die gendergerechte Sprache. Statt "Sehr geehrte Damen und Herren" liest man immer öfter "Sehr geehrte Damen und Herren und diverse". Oder noch eleganter: "Sehr geehrte Menschen". Auch hier zeigt sich, dass Sprache lebendig ist und sich ständig verändert. Ob das "Sehr geehrte/r" irgendwann ganz verschwindet? Wer weiß.
Ich finde ja, wir sollten uns ab und zu mal bewusst machen, wie komisch und gleichzeitig liebenswert unsere Sprachgewohnheiten sind. Dieses kleine Detail, die Tatsache, dass wir für eine förmliche Anrede gleich zwei Wörter brauchen, ist doch irgendwie typisch deutsch. Gründlich, korrekt und vielleicht auch ein bisschen umständlich. Aber genau das macht uns ja auch aus.

Also, das nächste Mal, wenn ihr einen Brief mit "Sehr geehrte/r" beginnt, denkt daran: Ihr seid Teil einer langen Tradition. Einer Tradition, in der zwei Wörter mehr sagen als tausend. Oder zumindest mehr Ehrfurcht einflößen sollen. In diesem Sinne: Bleibt geehrt!
Und zum Schluss noch eine kleine Anekdote: Ich habe mal versucht, das "Sehr geehrte/r" ins Englische zu übersetzen. Das Ergebnis war... naja, sagen wir mal, nicht sehr überzeugend. "Very honored" klingt einfach nicht so richtig. Da merkt man mal wieder, dass manche Dinge einfach unübersetzbar sind. So wie die deutsche Seele. Oder der deutsche Hang zur Gründlichkeit. Oder eben das "Sehr geehrte/r".
Deshalb lasst uns unser "Sehr geehrte/r" in Ehren halten. Es ist ein kleiner, aber feiner Bestandteil unserer Kultur. Und wer weiß, vielleicht wird es ja irgendwann mal zum immateriellen Kulturerbe erklärt. Verdient hätte es das allemal.
